Letzte Aktualisierung:
07-05-2017

Alverdissen

zwischen Teutoburger Wald und Weserbergland

 

Die Geschichte des Fleckens Alverdissen

Von Helmuth Welsch

Der Flecken Alverdissen (seit 1969 ein Ortsteil der Stadt Barntrup) liegt am Quellgebiet der Exter und gehört zu den ältesten Ortschaften unserer engeren Heimat. Der Ort wird urkundlich erstmalig 1151 in einem Verzeichnis der Besitzungen des Herforder Stifts auf dem Berge als „Alwerdessen“ erwähnt. Es ist davon auszugehen , dass die ersten Siedlungen bereits zur Zeit Karls des Großen (um 800 n. Chr.) hier bestanden haben.

Im 12. Jahrhundert wurde Alverdissen durch die Grafen von Sternberg planmäßig nach dem damals üblichen „3-Straßen – Schema“ als Stadt gestaltet. Bereits vor 1370 (das genaue Datum ist leider nicht zu ermitteln) erhielt der Ort Stadtrechte. In einer Fehde im Jahre 1424 zwischen den Grafen von Lippe und Schaumburg wurde Alverdissen völlig zerstört. Auch die damalige Burg und die Kapelle fielen den Flammen und Verwüstungen zum Opfer. In dieser Zeit ist auch der Verlust der Stadtrechte zu vermuten.

Nach dem alsbaldigen Wiederaufbau hat Alverdissen den Status eines „Fleckens“ erhalten. Der Ort führt in seiner rund 850-jährigen nachweisbaren Geschichte mithin bereits seit nahezu 600 Jahren die Bezeichnung „Flecken“.

1613 erbte Graf Philipp, der jüngste Sohn des damals im Braker Schloß residierenden Grafen Simon VI, das Amt Alverdissen als Paragium, dass heißt als Wohnsitz und zur Nutznießung. Gleichzeitig erhielt er das Privileg „Erbherr“. Graf Philipp ist also der Begründer der gräflichen Linie Lippe - Alverdissen . Nachdem er später von seiner Schwester, der verwitweten Gräfin Elisabeth, auch die Grafschaft Holstein-Schaumberg erbte, übernahm er die Regentschaft in Bückeburg. Seit dieser Zeit (1648) gibt es die Grafschaft „Schaumburg-Lippe“.

Der Alverdisser Graf Phillipp (1601 -  1681) ist also auch der Begründer der Grafschaft Schaumburg-Lippe.

Die Nachfolge in Alverdissen übernahm Philipps ältester Sohn Friedrich Christian, in dessen Namen das damalige Alverdisser Schloß abgebrochen und 1662 im heutigen Grundriss neu errichtet wurde. Nach Phillip Ernst I (jüngerer Bruder von Friedrich Christian), der hier von 1681 – 1723 residierte und für den das kleine Mausoleum an unserer Kirche errichtet wurde

und Friedrich Ernst (1723 – 1749) folgte in Alverdissen der berühmte Philipp II-Ernst, der seinen Wohnsitz bis 1777 im Alverdisser Schloß hatte. Nach dem Tode des in Bückeburg kinderlos verstorbenen legendären Grafen Wilhelm (Erbauer der Festung „Wilhelmstein“ im Steinhuder Meer) übernahm Philipp II-Ernst als dritter Alverdisser Graf ebenfalls Schaumburg – Lippe. In der Folgezeit wurde Alverdissen von Bückeburg aus verwaltet.

1812 kam Alverdissen endgültig wieder zu Lippe . Die lippische Fürstin Pauline kaufte von ihrem Bückeburger Verwandten „Schloss und Flecken Alverdissen“ für 52000 rth (Reichstaler) für Lippe zurück und machte es zum Sitz des Amtes Sternberg.

Von 1879 bis 1969 war im Schloss das Amtsgericht untergebracht. Von 1981- 2008 befand sich hier die Aussenstelle des Westfälischem Staatsarchivs. Seit 2009 ist das Schloß im Privatbesitz. Für eine standesamtliche Trauung im Schloß wurde eine Aussenstelle des Standesamtes Nordlippe eingerichtet.

Über die Alverdisser Kirche kennen wir erste Urkunden aus dem Jahre 1511. In ihrer heutigen Größe ist die Kirche 1842/43 erbaut worden. Die letzte bauliche Umgestaltung erfolgte 1952/54.

Das Mausoleum an der Turmseite der Kirche ließ die Gräfin Dorothea Amalie zu Lippe – Alverdissen im Winter 1723/24 erbauen. Hier fanden ihr Gemahl Graf Philipp – Ernst I und später weitere Mitglieder der Linie Lippe – Alverdissen ihre letzte Ruhe. Insgesamt sind in der Gruft 9 Angehörige der gräflichen Familien beigesetzt worden.

Nachdem die Bewohner des Fleckens Alverdissen im Laufe der Jahrhunderte durch kriegsbedingte Plünderungen und Zerstörungen wiederholt große Not und unsägliches Leid zu ertragen hatten, wurde der östliche Teil des Fleckens im Jahre 1855 durch einen Großbrand erneut eingeäschert. Insgesamt 19 Häuser fielen der Brandkatastrophe damals zum Opfer.

Der zähe Wille der Einwohner , sich ihren Lebensraum und ihre Heimat zu erhalten, ließ den zerstörten Teil des Ortes jedoch bald wieder neu erstehen (heutige „Neue Straße“ und Umgebung).

Alverdissen war von jeher ein reines Ackerbaudorf. Die spärlichen Einkünfte aus den kleinen Landwirtschaften reichten aber in den meisten Fällen nicht aus, um die in der Regel großen Familien zu ernähren. Viele Männer verdienen ihr Brot in harter Arbeit als Ziegler in der Fremde. Noch um 1930 zählte man in Alverdissen ca. 100 Ziegler.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog die Zigarrenindustrie hier ein, der andere Industriezweige folgten. Hierdurch wurde die Struktur des Fleckens verändert und wirtschaftlich belebt.

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges (1945) hatte 570 aus ihrer Heimat evakuierte oder vertriebene Schwestern und Brüder im Flecken Alverdissen ein neues zu Hause gefunden. Die Einwohnerzahl Alverdissens stieg durch Sie auf ca. 1700.

In der 2. Hälfte des 20.Jahrhunderts hat Alverdissen durch den Verlust verschiedener Einrichtungen, Behörden, Institutionen und Gewerbebetriebe (leider auch der Möbel- und Zigarrenindustrie) einen erheblichen Teil seiner früheren Bedeutung und seines Glanzes verloren. Die Bürger hatten auf diese Entwicklung keinen Einfluss, sind ihrer Heimat aber zu allen Zeiten treu geblieben.

Das heute immer noch geltende Privileg „Flecken“, das den Alverdisser Bürgern über einen Zeitraum von 600 Jahren herausragende Rechte zugestand, ist heute und für die Zukunft nur noch Erinnerung an die einstige Bedeutung unseres 850 Jahre alten Heimatortes am Quellgebiet der Exter.